Aus dem Tagebuch eines Babies: Wie ich auf die Welt kam

Heute ist Alles anders…

Seit gestern sind wir mit Mama nicht mehr zu Hause, das merke ich an den Geräuschen. Bei uns ist es ruhig und gemütlich, letzte Nacht hat sich Mama aber ganz viel hin und her gewälzt. Sie hat kaum geschlafen, ich dadurch auch nicht. Sonst schlafe ich gut bei Mama, nur wenn Sie Nachts aufwacht weil sie auf die Toilette muss merke ich wie es rumpelt. Aber danach schlafen wir gleich wieder ein.

Ich habe gehört wie Mama zu dem Ort Krankenhaus gesagt hat. Dabei ist Mama doch gar nicht krank und ich auch nicht. Als man gestern nach mir geschaut hat schlug mein Herz kurz langsamer als sonst, die Hebamme hat dann gesagt das muss sofort weiter untersucht werden. Mama sagt ich habe bestimmt nur auf der Nabelschnur gelegen, aber zu Hause bleiben durften wir trotzdem nicht.

Jetzt ist schon wieder eine Untersuchung, dabei bin ich doch noch so müde. Ein Doktor drückt mit so einem komischen Ultraschallgerät auf Mamas Bauch rum, er meint es sei Alles in Ordnung. Ich habe noch genug Fruchtwasser und die Versorgung über die Nabelschnur funktioniert einwandfrei.

Natürlich bin ich gut versorgt, ich bin doch bei Mama…

Dann unterhalten sich die Beiden wie ich auf die Welt kommen soll. Ich verstehe gar nicht was gemeint ist. Ich bin doch schon auf der Welt, hier ist es schön warm und gemütlich. Ok, die letzten Wochen wurde es immer enger, aber die Ärzte sagen eh Alle das ich sehr klein bin. Mir geht es gut, ich will wieder nach Hause.

Der Arzt meint durch die Beckenendlage, meine zierliche Gestalt und weil Mama Erstgebärende ist würde er zu einem Kaiserschnitt raten. Mama unterhält sich lange mit dem Doktor.

„Essen Sie mal noch Nichts, ich schaue mal im OP-Plan ob wir das Heute noch über die Bühne kriegen!“

Mama hört auf zu atmen und ihr Herz pocht plötzlich ganz laut und ganz schnell.

„Heute noch?“

Das Pochen wird immer schneller, ich bekomme Angst und schlage mit meinen Armen gegen Mamas Bauch. Sie streichelt meinen Kopf und ich merke ein tiefes Einatmen.

„Es gibt keinen Grund über das Wochenende ein Risiko einzugehen, wir wissen ja nicht warum die Herztöne abgefallen sind und es sind ja auch nur noch 6 Tage bis zum Geburtstermin.“

Ständig sprechen Alle über diese Geburt, ich weiß nicht was da passieren soll.

„Wann genau denn?“

Mamas Hand liegt noch immer auf meinem Kopf, ihre andere Hand unten wo mein Arm ist. Sie hält mich ganz doll fest.

„Jetzt ist es viertel vor 9, so gegen Mittag würde ich mal damit rechnen.“

POCH POCH POCH

„Aber mein Mann ist noch auf Arbeit, ich muss ihn erstmal erreichen. Und dann kann er nicht einfach sofort gehen, er muss sich erstmal nach Ersatz umschauen!“

Mamas Stimme klingt komisch, irgendwie erstickt und schrill.

„Das wird schon, gehen Sie erstmal auf ihr Zimmer. Ich komme dann gleich nochmal zu Ihnen und dann schauen wir weiter.“

Der Doktor kam nicht mehr…

Mama rief Papa auf Arbeit an und erzählte ihm was der Arzt gesagt hat. Ich habe nicht gehört was er geantwortet hat, aber Mama sagte er solle keine Panik machen und ja vorsichtig fahren.

Ich mag Auto fahren, es rumpelt und brummt so schön, vielleicht können wir mit Papa dann wieder nach Hause fahren.

Es kommen ein Haufen Schwestern herein und bereiten Mama auf eine OP vor, den Kaiserschnitt nennen sie es. Mama wird immer nervöser, streichelt mich ganz viel und redet mit mir. Wir müssen auch noch zu einem anderen Doktor, er erklärt Mama wie eine Spinalanästhesie abläuft, er macht es eher Schlechter statt Besser. Sie sagt immer wieder das Alles gut wird, ich weiß ja nicht einmal was gerade Schlecht ist. Wenn Papa da ist geht es Mama bestimmt gleich besser, doch Papa kommt nicht.

„Der OP hat angerufen, wir können jetzt runter!“

Wieder schlägt Mamas Herz wahnsinnig schnell.

„Aber mein Mann ist noch gar nicht da, er kommt sicher gleich. Er hat gerade angerufen, können wir noch etwas warten?“

Mamas Stimme klingt flehend.

„Tut mir leid, wir schicken ihn in den OP sobald er da ist. Unten dauert es eh noch eine Weile, machen Sie sich keine Sorgen.“

Es ruckelt ganz schön als wir weg gebracht werden, ein paar Minuten später höre ich viele neue Stimmen.

„Was wird es denn bei Ihnen?“

Mama lacht kurz, wie immer wenn man ihr diese Frage stellt. Jeder stellt diese verdammte Frage.

„Das wissen wir nicht, hat sich noch nicht gezeigt.“

Der Andere lacht auch.

„Das ist ja toll, das haben wir selten das wir nicht wissen was wir da unten raus holen.“

Wer wird wo raus geholt?

So geht es immer weiter und ständig wird Mama erzählt was noch gemacht wird, ich glaube aber sie hört gar nicht richtig zu. Ich merke wie sie ganz tief ein und ausatmet, ihr Herz schlägt trotzdem immer schneller. Damit es nicht noch schlimmer wird liege ich ganz ganz still.

„Sehen sie, da ist er ja!“

Papa ist endlich da, Ich höre ganz deutlich seine Stimme. Mama ist wieder etwas entspannter, wenn auch nicht viel und ich mache mich bei ihr bemerkbar.

„Da will dich noch jemand begrüßen.“

Es rumpelt wieder und noch mehr Stimmen und Geräusche kommen dazu.

„Wir machen jetzt erst einmal die Anästhesie, in der Zeit geht ihr Mann erst einmal nach draußen. Danach holen wir ihn wieder rein.“

Wieso muss Papa denn jetzt wieder weg, er ist doch gerade erst gekommen? Mama geht es doch besser wenn er da ist. Ich verstehe das Alles nicht, ich will doch nur wieder nach Hause.

„Setzen Sie sich auf und machen sie den krummen Buckel, genau wie es ihnen der Arzt erklärt hat. Ich mache eine kleine lokale Betäubung damit sie die richtige Nadel nicht merken. Bleiben sie ganz entspannt und….“

Ich höre gar nicht weiter zu, auch mein Herz schlägt jetzt schneller. Mama atmet immer tiefer ein und aus, sie streichelt immer noch meinem Kopf, das hilft ein bisschen. Dann legt sie sich wieder hin und ihre Hand ist weg. Ich merke viele andere Hände, was die da machen weiß ich aber nicht.

„Ich merke mein Baby nicht mehr!“

Mamas Stimme klingt ganz panisch. Ich bin doch noch hier Mama, Alles ist gut!

„Das ist nur die Betäubung, es ist Alles in Ordnung. Hören sie das Pochen? Das ist der Herzschlag, dem Baby geht es prima.“

Es wird auf Mamas Bauch rumgepiekt, das fühlt sich komisch an. Doch Mama sagt sie spürt Nichts, sie spürt gar Nichts. Ich habe Angst vor diesen Leuten. Und wo ist Papa?

„Ihren Mann lassen wir nicht mehr rein, er ist ganz blass. Er hat wohl auch noch Nichts gegessen.“

Mama lacht kurz, sie hat Papa doch schon öfter gesagt das er vor der Arbeit was essen soll.

„Ist nicht schlimm, er ist ja nebenan sobald das Kleine da ist. Solange ich weiß das er in der Nähe ist bin ich beruhigt. Wann geht es denn los?“

Ich höre Mamas Stimme nur ganz leise, es wird gedrückt und gezerrt. So viele Geräusche um mich herum. Ich will hier weg!

„Wir sind schon dabei, nicht mehr lange.“

Mama ist jetzt still, ich höre nur wie jemand ganz beruhigend auf sie einredet.

„Gleich werden sie einen ganz kräftigen Druck spüren, die Ärzte müssen von oben Schieben. Versuchen sie ganz tief zu atmen, es ist gleich vorbei.“

Mama antwortet nicht, und dann bricht die Hölle los…

Ich merke wie jemand von oben gegen meinen Kopf drückt, immer fester und fester. Ich rutsche nach unten und plötzlich fühlt sich Alles total komisch an. Es ist nicht mehr warm, mein Wasser ist weg. Ich höre Mamas Herzschlag nicht mehr, ich spüre Mama nicht mehr. Ich habe furchtbare Angst.

ICH SCHREIE!

Ich wusste gar nicht das ich das kann, doch nun geht es. Wenn ich jetzt die Augen versuche zu öffnen ist es auch nicht mehr dunkel.

„Sagt nicht was es ist, lasst die Mama alleine schauen!“

Jemand trägt mich weg, es ist furchtbar kalt und viel zu hell, ich schreie weiter und weiter. Ich will wieder zurück zu Mama!

„Ein Mädchen!“

Das war Mamas Stimme, wenn auch nur ganz leise. Mama ich will wieder zurück! Doch ich schreie nur und werde in ein anderes Zimmer gebracht.

„Hey meine kleine Maus!“

Das ist Papas Stimme! Ich höre auf zu schreien und kann jetzt auch schon meine Augen auf lassen. Hier ist es nicht mehr ganz so hell. Das erste Mal sehe ich meinen Papa, er lächelt ganz breit und ich merke seinen Finger an meiner Hand.

Er und noch zwei andere Menschen machen mich etwas sauber und untersuchen mich. Papa ist die ganze Zeit da, aber ich weiß nicht wo Mama ist.

Die eine Frau wickelt mich in ein Handtuch und geht mit mir wieder in den anderen Raum zurück. Sie legt mich auf eine andere Frau, ich schaue ihr ins Gesicht und sehe das sie ganz nasse Augen hat. Ihr Lächeln ist genauso breit wie Papas. Dann drückt sie mich ganz fest an sich und streichelt mir über die Nase.

„Hallo mein kleines Äffchen!“

Ich reiße die Augen ganz weit auf, ich kenne diese Stimme. Jetzt wird Alles gut…

Ich bin wieder bei meiner Mama!

 

 

 

 

 

 

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12 Gedanken zu “Aus dem Tagebuch eines Babies: Wie ich auf die Welt kam

  1. Und deshalb war ich im Geburtshaus! Da wurde alles so gemacht wie ich gesagt habe und das Baby war nur ganz kurz von mir getrennt (bei Papa solange ich versorgt wurde) 😉 zu gerne wüsste ich, wie meine Tochter das aus ihrer Sicht beschreiben würde

    • Nunja, wegen der Beckenendlage war Geburtshaus so oder so raus. Ich wollte eine normale Geburt versuchen, allerdings wurde mir wegen der Umstände davon abgeraten. Im Endeffekt, ich kann nicht sagen wie ich mich nach einer „normalen“ Geburt gefühlt hätte, aber das kleine Äffchen ist kern gesund und super fröhlich. Mehr kann ich mir nicht wünschen. 🙂

      • aber 10 Tage vor Termin… schon krass. So wie ich gelernt habe, drehen sich viele Kinder auch erst bei der Geburt und wenn nicht, könne man immernoch nen Kaiserschnitt machen. Ich finde, dazu wird heute viel zu schnell gegriffen. Warum hat man da nicht noch die 10 Tage gewartet? Oder eine äußere Wendung probiert? Wirklich schade, dass du so überrannt wurdest. Aber ich bin ja kein Arzt und keine Hebamme, es liest sich nur so „stressig“ und weil es bei mir so ganz anders war, finde ich es traurig, dass die wenigsten Frauen die Geburt so erleben dürfen. Aaaaaber nichts desto trotz: es ging alles gut und die Hauptsache ist, dass am Ende ein Baby dabei rauskommt 😀

      • Sie haben dann zur Eile geraten weil ihre Herztöne abgefallen waren. Ansonsten hatte ich einen KS Termin genau am Geburtstermin gehabt. Wäre es vorher losgegangen hätte ich eine normale Geburt versucht. Ich hatte auch noch die Hoffnung das sie sich im letzten Moment dreht.

      • Entschuldige, ich wollte nicht bohren oder so. Schade, dass es so kommen musste. Man darf den Kaiserschnitt auch nicht so verteufeln. Vor 100 oder 200 Jahren wäre es wohl alles ganz anders ausgegangen 🙂

      • Ist nicht schlimm, ich war auch lange wütend weil ich ja unbedingt meine Wassergeburt wollte. Als sie dann da war schien mir aber Nichts unwichtiger als wie sie auf die Welt kommt, so lange sie nur da und gesund ist. 😉

      • Ja, das ist ne schöne Sichtweise. Nur mal so als Kontrast: eine Mutter hat mir erzählt, sie hat sich mit vollem Körpereinsatz gegen dir Saugglocke gewehrt und die wurde dann auf dem Bett festgeschnallt… Es geht also weitaus dramatischer. Genauere Umstände kenne ich dazu nicht, aber ich war fassungslos… Dagegen wirkt deine Geburt wie ein Spaziergang 😉

    • Dankeschön, bei sowas bin ich immer froh das ich ein Tagebuch führe. Es ist einfach schön solche Erinnerungen immer nochmal nachlesen zu können. 🙂

  2. Pingback: Auf Wiedersehen Oktober | Inanitas

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